Dieser Betrag ist Teil der Serie "Tibet"
“Was passiert da eigentlich bei euch?” – bin ich den letzten Tagen ein paar mal gefragt worden. Um ehrlich zu sein: Ich hab keine Ahnung. Ich weiß genau soviel wie alle anderen auch. Hauptsächlich aus deutschen und amerikanischen Medien. Im Gegensatz zu einigen anderen – allen voran Bild Experte für alles Franz Wagner – versuche ich mal das Ganze ohne die üblich antichinesische Hetze zu betrachten.
Das erste, was wir hier von der Sache mitbekommen haben, kam aus den Deutschen Medien. Ein paar vage Beschreibungen von Aufständen, aber nichts konkretes, auch noch ohne China blind den Schwarzen Peter zuzuschieben. Kurz danach kamen dann schon Berichte im chinesischen Fernsehen, in denen Bilder von Rauchfahnen über Lhasa zu sehen waren, ein wütender Mob, der die Fassade einer Bank-of-China-Filiale einreisst, Aufständische, die vermummt über die Strassen laufen. Die Berichterstattung, die von organisierten Aufständen mit dem Ziel die Gewalt in die Olympischen Spiele hereinzutragen, halte ich für genauso seriös, wie die Berichte, die von der tibetanischen Exilregierung verbreitet werden. Keine Frage, die chinesische Regierung geht das Thema Tibet nicht zimperlich an. Die Bilder von bewaffneten Armeeeinheiten sprechen für sich. Die Frage ist, wie man damit umgeht, welche Informationen seriös sind, auf Tatsachen beruhen und wo die Medien blinden Populismus betreiben. Allen voran steht wohl Franz “Ich weiß alles” Wagner.
Kein Tibeter schlägt nach einer Fliege, die ihn belästigt, die Fliege könnte seine verstorbene Großmutter sein. Der Tibeter glaubt an die Wiedergeburt.
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Wenn ein Tibeter einen Spatenstich macht, dann schaut er sich die Schaufel genau an. Sind Würmer dran, Schnecken? Er klaubt die Tiere von seiner Schaufel. Ein Tibeter tötet nicht. Mord ist für einen Tibeter unvorstellbar.
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China ist ein Menschenfeind.
Warum wird der Typ für so einen Schwachsinn eigentlich bezahlt? Die meisten Medien haben sich dem angeschlossen. Nicht alle so extrem, aber die Richtung war die gleiche. Durch die mediale Präsenz des Dalai Lama und seine allgemeine Beliebtheit wurden die Informationen der tibetanischen Exilregierung in Dharamsala weitgehend unkritisch abgedruckt und übernommen. Wenn überhaupt. Bilder und Informationen aus erster Hand waren und sind nun aber Mangelware. Was macht man? Kein Problem. Bilder von demonstrierenden Tibetern sind immer gut. Ob nun aus China oder Tibet, wen kümmerts? Auf dem Blog von Bildblog.de-Mitbegründer Stefan Niggemeier wird das verwendete Bildmaterial kommentiert. Auch wenn es am Sachverhalt nichts ändert ist es schon ein Armutszeugnis für die deutsche Medienlandschaft.
Was ist nun aber passiert? Tja…keine Ahnung. Informationen von chinesischer oder tibetanischer Seite sind wohl kaum geeignet sich ein klares Bild zu machen. Besser wäre ist mit echten Augenzeugenberichten. Die sind leider selten genug. Vor einigen Tagen gab’s im Spiegel ein Interview mit Zeit-Redakteur in Peking Christoph Blume. Ich hatte neulich schon mal einen Artikel von Christoph Blume zitiert und halte ihn für einen der kompetentesten Journalisten in Beijing. Das Interview wirft schon mal ein ganz anderes Licht auf die Vorfälle in Tibet und zeigt auf, dass die tibetanischen Vorfälle nicht mit den friedlichen Protesten der Mönche in Burma vergleichbar sind. Einen ausführlichen Bericht von Christoph Blume gibt es bei der Zeit.
Die Gewaltbereitschaft vor allem unter Jugendlichen scheint zu wachsen. Keine Frage – nicht ohne Grund. Wenn man den Berichten glauben kann, gab es in Lhasa Aufstände, währendderen gezielt chinesische Geschäfte und Firmen in Brandt gesteckt wurden. Die chinesische Regierung hat reagiert, in dem sie hunderte Fahrzeuge mit Soldaten in die Stadt geschickt hat um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Auf welcher Seite es tote gab und wie viele kann ich nicht beurteilen, die Berichte unterscheiden sich zu sehr. Beide Seiten berichten von Toten, beide Seiten unterstellen der anderen überreagiert zu haben.
Im Internet sieht es ähnlich aus. In diversen Foren, Kommentarfunktionen, Blogs wird heiß diskutiert, die Youtube-Sperre wird auf anderen Kanälen umgangen, auf verschiedenen Seiten werfen sich Anhänger beider Seiten Beschuldigungen an den Kopf. Manche ziemlich niveaulos andere sensibler. Interessant fand ich einen Beitrag im Spiegelfechter, auch wenn dort die chinesische Seite für meinen Geschmack etwas zu unkritisch betrachtet wird. Einen Überblick über die Diskussionen im Internet bietet der Spiegel, der sich im Vergleich zu anderen Zeitungen durch eine recht vielschichtige Berichterstattung ausgezeichnet hat.
Ich habe von den Ereignissen in Tibet, Sichuan und den anderen betroffenen Provinzen keine Ahnung. Zumindest genauso wenig wie alle anderen auch, die nicht dort waren und die Informationen aus den Medien erhalten. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich enttäuscht bin von der Berichterstattung deutscher Medien, der Reaktionen deutscher Politiker, aber auch von der Reaktion der chinesischen Regierung, die Journalisten des Landes verwiesen, Youtube gesperrt und immer noch keine Gesprächsbereitschaft signalisiert hat.
Wie sich die Situation lösen lässt, kann ich genauso wenig sagen, wie jeder andere auch. Ausgeschlossen ist meiner Meinung nach, das China einer Unabhängigkeit Tibets zustimmt, dafür steht zu viel auf dem Spiel. Ein Olympiaboykott wie ihn Roland Koch zumindest nicht ausgeschlossen hat, kann auch kein Ausweg sein. Die Ausweisung ausländischen Journalisten war nicht wirklich klug und hat die Internationale Meinung nur noch weiter aufgeschaukelt. Ein guter Ansatz wären meiner Meinung nach ernsthafte Gespräche mit Vertretern Chinas, dem Dhalai Lama, aber auch Vertretern der anderen Strömungen innerhalb der tibetischen Bevölkerung. Ob das die Gewalt stoppen kann? Ich weiß es nicht, aber es ist das beste was mir einfällt. Einen ausführlichen Artikel hierüber gibt es auch noch mal im Spiegel.
So. Ich kann nur sagen, dass ich hier nicht mehr Informationen habe, als andere Leute, vielleicht sogar selber etwas voreingenommen bin. Trotzdem hoffe ich, dass ich – zusammen mit den Links zum Thema – einen etwas differenzierten Eindruck bieten konnte, als einige deutsche Zeitungen das tun, ob gewollt oder unbewusst.
Weitere Beiträge der Serie "Tibet":
- Was passiert da eigentlich bei euch?
- Was gibt’s Neues?





4 responses so far ↓
1 Katharina // Mrz 24, 2008 at 02:28
Ganz Unabhängig vom aktuellen Stress:
F R O H E O S T E R N
.
2 Living in China // Mrz 24, 2008 at 07:15
Update:
Seit gestern ist Youtube wieder erreichbar.
3 Christian // Apr 1, 2008 at 16:56
Salve
Eine Lösung kann auch sein, wenn wir einmal zeigen was wir wollen. Es geht nicht um die Unabhängigkeit, es geht um Menschenrechte. Darum rufe ich dazu auf, die Sponsoren der olympischen Sommerspiele 2008 zu bestreiken. Kein BigMac mehr, kein Restaurantbesuch, wenn im TV die olympischen Spiele übertragen werden.
4 Living in China // Apr 2, 2008 at 12:56
Aber schon im ersten Satz fängt es an. Was wollen WIR denn? Wer ist mit wir gemeint und was wollen wir/sie?
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